I. N. R. I. oder die Reise mit der Zeitmaschine

Wer hat noch nicht davon geträumt einmal durch die Zeit zu reisen um festzustellen, ob es Jesus tatsächlich gegeben hat? 

Lange vor Andreas Eschbachs Das Jesus-Video haben sich schon einige phantastische Autoren dieser Frage gestellt, wobei Michael Moorcock einen besonderen Stellenwert einnimmt. Die Geschichte des Zeitreisenden Karl Glogauer hält sich dabei nicht mit seitenlangen technischen Abhandlungen über die Möglichkeit einer Zeitreise auf, sondern steigt mit der Ankunft im Jahr 28 ein. Parallel dazu erfährt man einiges über die Vergangenheit des Protagonisten, der schon immer in irgendeiner Form auf der Suche nach Gott war. Sein Wahn prädestiniert ihn dafür, ins alte Judäa zu reisen, um nach Jesus Christus zu suchen. Dieser entpuppt sich allerdings als lallender Idiot, der in einem Elternhaus lebt, das nicht ganz so rein ist, wie man es aus den Überlieferungen kennt. Glogauer muss etwas tun. So steigert er sich immer weiter in seine Wahnvorstellungen hinein, um ganz den Bezug zur Realität zu verlieren. Dem Leser stellt sich dabei auf dem Höhepunkt die Frage, ob Glogauer wirklich in die Vergangenheit gereist ist oder man es doch nicht mit der Ausgeburt eines kranken Gehirns zu tun hat.

Einem breiten Publikum ist der englische Autor Michael Moorcock vor allem durch den Zyklus um Elric von Melniboné und der Saga um den Ewigen Helden. Aber auch an interessanten SF-Romanen hat er sich versucht, wie Behold the Man, so der Originaltitel, zeigt. Interessanterweise weicht Moorcock in diesem Roman etwas von seinem typischen Stil ab und bietet eine Handlung, in der Realität und Wahn des Protagonisten im weiteren Verlauf immer mehr verschwimmen. Am Ende überlässt er dem Leser selbst die Entscheidung, ob Glogauer tatsächlich ein Zeitreisender ist oder einfach nur ein grenzdebiler Spinner. Es  entwickelt sich ein sehr kurzweiliger, sehr ansprechender Roman, der sich wohltuend von anderen Werken aus der gleichen Richtung unterscheidet. Das macht I.N.R.I. auch über 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch zu einem sehr lesenswerten Fantasieprodukt werden, das nicht nur eines der bedeutendsten Werke Moorcocks ist, sondern auch zeitloser SF-Klassiker.
 
Die Neuausgabe aus dem Piper Verlag legt eine neue und vor allem ungekürzte Übersetzung des Romans vor, die mit einem sehr lesenswerten Nachwort von Carsten Polzin abgerundet wird.
 
 
I. N. R. I. oder die Reise mit der Zeitmaschine
von Michael Moorcock
erschienen beim Piper Verlag im Februar 2007
ISBN: 978-3-492-28618-3

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